06.01.2020

Adam ist im Boot geflüchtet – lernt jetzt schwimmen

SC Hainberg organisiert Projekt im Badeparadies Eiswiese

Beim Schwimmkurs für Geflüchtete im Übungsbecken des Göttinger Badeparadieses Eiswiese wird mit Poolnudeln trainiert. Foto: Pförtner

von Eduard Warda (GT, 06.01.2020)

Adam Dhab kommt aus dem Sudan. Er ist über das Mittelmeer nach Deutschland geflüchtet und hat dabei wie viele andere Geflüchtete in einem Schlauchboot von einer überschaubaren Größe angstvolle Erfahrungen gesammelt. Nun lernt er Schwimmen – in einem Schwimmkurs für Erwachsene, der vom SC Hainberg angeboten wird.

Viele Geflüchtete sind traumatisiert. Sie haben bei der Flucht über das Mittelmeer schlimme Dinge erlebt, teilweise Angehörige ertrinken gesehen. Dhab ist dieses Schicksal glücklicherweise erspart geblieben, aber seine Erlebnisse waren gruselig genug: Mit 150 anderen habe er bei der Überfahrt 18 Stunden lang in einem kleinen Schlauchboot gesessen, die Beine hingen im Wasser. „Es war ganz gefährlich“, berichtet der 22-Jährige, der mittlerweile schon ganz gut Deutsch spricht. Irgendwann wurden sie vor der Küste Italiens entdeckt und gerettet.

Der SC Hainberg hat in den Jahren 2018 und 2019 zwölf Kurse angeboten, die bei Geflüchteten äußerst beliebt sind. Als Schwimmtrainerin konnte Darja Elster vom TWG 1861 gewonnen werden. Die Teilnehmer seien zum Teil „sehr verkrampft“, berichtet Elster. „Wir bringen ihnen die Basics bei, sie müssen Vertrauen aufbauen.“

Im Übungsbecken des Badeparadieses Eiswiese kann der Boden bis zu einer Wassertiefe von rund 60 Zentimetern angehoben werden – trotzdem sei es nicht nur für die Teilnehmer mit Mittelmeer-Erfahrung schwer, erzählt Elster. „Sie trauen sich erst gar nicht ins Wasser oder können sich im Wasser nicht hinlegen.“ Deshalb arbeiten die Trainer mit sogenannten Poolnudeln und Schwimmbrettern. Elster: „Der Kurs wäre sonst nicht möglich.“

Elster ist nicht nur die Schwimmtrainerin von Adam Dhab, sie ist an der Arnoldi-Schule, an der BBS I, auch seine Lehrerin – er besucht ihre Sprachlernklasse. Ihr Kollege Roman Müller, der in seiner Berufseinstiegsklasse ebenfalls falls ausschließlich Geflüchtete unterrichtet, organsierte das Angebot an der Arnoldi-Schule zusammen mit Lars Willmann und unterstützte Darja Elster im Becken.  Wie ein Lauffeuer hat sich in den Sprachlernklassen der Göttinger Schulen das Angebot des SC Hainberg herumgesprochen. Für den nächsten Kurs liegen 50 Anfragen vor, Platz ist aber nur für jeweils zehn Männer und Frauen, die in getrennten Kursen üben.

Dhab hatte zumindest einige Vorkenntnisse: Als er klein war, habe er daheim im Sudan in einer besseren Pfütze ein bisschen geplanscht, sagt der 22-Jährige, 2017 habe er dann im seichten Wasser vor der Küste Libyens geübt. „Ein bisschen mit den Händen“, berichtet er, „mit den Beinen gar nicht“.

Im Schwimmkurs lernte Dhab also zunächst, unter Wasser seine Beine zu gebrauchen – aber richtig: „Adam ist unter Wasser immer Fahrrad gefahren“, sagt Elster, und beide müssen lachen. In den Kursen wird der Boden des Übungsbeckens nach und nach abgesenkt, am Ende haben die Schwimmschüler Brust- und Rückenschwimmen und den Kraulbeinschlag kennengelernt.

Wenn man in den Sprachlernklassen frage, gäben drei Viertel der Schüler an, dass sie nicht schwimmen könnten, berichtet Elster. Dabei seien Schwimmkenntnisse lebenswichtig, ergänzt sie. Vor einigen Jahren sind in der Region mehrere Geflüchtete im Baggersee ertrunken – sie wollten lediglich dabei sein, mitmachen. Der soziale Aspekt war auch für Dhab ein starker Antrieb: „Im Sommer im Freibad konnten alle Leute schwimmen, nur ich konnte nicht so viel schwimmen“, berichtet er.

Finanziert werden die Kurse des SC Hainberg mit Fördergeldern vom Landessportbund (LSB), unterstreicht Lars Willmann, beim LSB-Stützpunktverein Referent für Sport und Soziales sowie für Integration. Adam Dhab, sagt er, „entwickelt sich toll als Mensch, ist fleißig und will unbedingt arbeiten. Das sind Menschen, die uns bereichern, denn die Zuwanderung ist gut für unser Sozialversicherungssystem. Darüber sollten wir froh sein“, sagt er. Darüber, ob der 22-Jährige bleiben kann, entscheidet momentan die Behörde. Dhab, der beim SC Hainberg auch Fußball spielt, würde gern. Der Schwimmkurs war für ihn ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Integration. Vor allem aber war er überlebenswichtig. „Es ist mehr als nur Schwimmen“, sagt Elster. „Am Ende des Tages ist es lebensrettend.“

Wer Interesse an einem Schwimmkurs beim SC Hainberg hat, kann sich bei Lars Willmann unter E-Mail an larswillmann@yahoo.de melden.



04.01.2020

Quartiersmanagement auf Zieten geplant

Integrationsstelle beim SC Hainberg soll nach dem Willen der Stadtverwaltung ausgeweitet werden

Das Zieten-Quartier von oben gesehen.Foto: Google Earth

Von Peter Krüger-Lenz, GT 04.01.19

Die Göttinger Stadtverwaltung hat beim SC Hainberg eine Stelle eingerichtet. Ziel ist Integration durch Sport. Jetzt würde die Verwaltung das Projekt gerne ausbauen – zu einem Quartiersmanagement.

Auf dem Leineberg und in Grone sind die ersten Quartiersmanagements in Stadtteilzentren in Göttingen entstanden. „Seit Sommer 2017 profitieren wir von der Förderung des Landes“, sagt Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt.

Etwa 70 000 Euro zahlt die Landesregierung für jeweils eine Stelle im Quartiersmanagement. Die Förderung ist bislang für ein Jahr angelegt. Es sei auch möglich, zwei Quartiersmanagements miteinander zu verknüpfen, sagt Broistedt. Zwei Kommunen in Niedersachsen sei dies gelungen, „eine davon ist Göttingen“. Hierfür zahlt die Landesregierung circa 150 000 Euro, berichtet die Sozialdezernentin.

„Unser Ziel ist es, auch auf Zieten ein Quartiersmanagement einzurichten“, erläutert die Dezernentin. Als einen Grund dafür nennt sie die sehr gemischte Bevölkerungsstruktur auf dem ehemaligen Kasernengelände, das sich in den vergangenen Jahren zu einem eigenen Wohnviertel entwickelt hat. In den Häusern der Städtischen Wohnungsbau leben laut Broistedt vor allem einkommensschwache Menschen. Eine Flüchtlingsunterkunft existiert dort neben Wohnungen und Häusern in Eigentum. Als weiteren Grund nennt Broistedt die baulichen Veränderungen und Wohnungsverdichtungen, die von einem Quartiersmanagement begleitet werden sollten, wie sich in der Vergangenheit gezeigt habe.

Der Grundstein für die Aufwertung auf Zieten ist bereits gelegt. Mit der Schließung des Flüchtlingswohnheims auf der Siekhöhe habe die Verwaltung eine Stelle beim SC Hainberg installiert, die sie auch finanziert. Ziel sei Integration durch Sport, berichtet Broistedt. Das Projekt laufe so gut, dass die Verwaltung gerne das Quartiersmanagement daraus entwickeln würde. Finanziert werde diese Integrationsstelle aus dem Sammeltopf für Flüchtlingshilfe.

„Wir wissen nicht, ob unser Antrag genehmigt wird“, sagt Broistedt. Doch die Chancen dafür stünden nicht schlecht. Die Verwaltung habe ein Leitbild und Qualitätsstandards entwickelt. Zudem tauschten sich die Quartiersmanager untereinander aus. „Dass sie voneinander lernen, findet das Land gut.“ Auch die Projektstelle beim SC Hainberg soll künftig an die anderen Stadtteilzentren angebunden werden.

Der Antrag für das Quartiersmanagement auf Zieten ist allerdings noch nicht gestellt. Jährlich würde das Land lediglich eine Stelle fördern, derzeit sind es in Göttingen bereits zwei Stellen: im Gartetal und in der Grünen Mitte Ebertal. Die allerdings sollen laut Broistedt verstetigt, also langfristig aus dem Etat der Stadt finanziert werden.

Dadurch könnte das neue Projekt, das Quartiersmanagement auf Zieten, in diesem Jahr beim Land beantragt werden. Dann allerdings sieht Broistedt die Chancen womöglich noch weiter gestiegen. Die Dezernentin berichtet von Bestrebungen des Ministeriums, die Förderung dieser Stellen auf drei Jahre auszuweiten.



08.12.2019

„Seid kreativ“: Tipps für erfolgreiche Vereinsarbeit

Stadtsportbund organisiert Pilotprojekt beim SC Hainberg: Expertengespräche und Workshops zu Rechtsfragen, Finanzierung, Ehrenamt oder Digitalisierung

WS-Tag des Statdsportbundes in den neuen Räumen des SC Hainberg

Von Markus Scharf, Göttingen.GT vom 25.11.2019

„Wenn es uns Idioten nicht geben würde, könnte Vereinsarbeit nicht funktionieren.“ Jörg Lohse, Vorsitzender des SC Hainberg, sagte diesen Satz vor mehr als 100 Funktionären und Trainern südniedersächsischer Sportvereine, die am Sonnabend in seinem Vereinsheim zusammengekommen waren. Der Göttinger Stadtsportbund (SSB) und der Landessportbund (LSB) hatten zur ersten Sportvereinsmesse geladen.

Tatsächlich sollte die Veranstaltung dazu dienen, die Arbeit der mehrheitlich ehrenamtlichen „Idioten“ zu professionalisieren, zu inspirieren oder auch schlicht einfacher zu machen. Vorträge, Workshops und Expertengespräche deckten dabei nahezu alle Themenbereiche ab, die im Vereinsalltag eine Rolle spielen könnten oder sollten: Wie lassen sich Integration, Jugendarbeit oder Gesundheitsförderung intensivieren? Welche Wege der Finanzierung gibt es? Wie kann moderne Vereinsverwaltung und -Kommunikation aussehen?

Die Idee zu dem Projekt, das im Falle eines Erfolgs landesweit in anderen Städten kopiert werden soll, hatte eine Gruppe von Menschen um Klaus Brüggemeyer, Referent für Vereins- und Organisationsentwicklung beim SSB. Er wollte den Verantwortlichen vorrangig aus kleinen und mittelgroßen Vereinen ein Forum bieten, um sich auszutauschen und neue Ideen zu sammeln. Um den Mehrwert möglichst konkret zu gestalten, hatte sich der SSB weitere Akteure ins Boot geholt: Neben dem LSB waren das unter anderem die Sportregion Südniedersachsen, die Freiwilligenagentur und das Entwicklungspolitische Informationszentrum (Epiz).

Mehr als 40 Vereine nahmen das Informationsangebot gerne an. Die neun Kurzworkshops waren ebenso gut besucht wie die einleitenden Vorträge von drei Vereinsvertretern. So berichtete Thomas Kossert vom Mündener Ruderverein über dessen kleine Erfolgsgeschichte. Dem Spartenverein sei es geglückt, aus einem witterungsbedingt saisonalen Sport ein ganzjähriges Angebot zu stricken. Ein Blick auf die Belegungszeiten im Mündener Bootshaus bestätigt: Hier ist immer was los. Geglückt sei das laut Kossert durch einen kreativen Umgang mit den eigenen Möglichkeiten.

So wurde beispielweise aus den ursprünglich nicht sonderlich beliebten Ergometern ein Publikumsmagnet. Der Verein organisiert Challenges für Läufer oder Trockenruderer und verzeichnet dadurch wachsende Mitgliederzahlen. Zudem wandte man sich neuen Themenfeldern wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Qualifizierung zu, was ebenfalls für gute Resonanz gesorgt habe. „Dabei haben wir unseren Markenkern – das Rudern – keinesfalls aus den Augen verloren. Die vergangene Saison war eine der erfolgreichsten der Vereinsgeschichte“, schloss Trainer Kossert stolz.

Auch der Dransfelder SC ließ sich am Sonnabendvormittag ein wenig in die Karten schauen. Vorstandsmitglied Friedrich-Georg Rohkop erklärte, was sich in den vergangenen Jahren in der Vereinsarbeit verändert habe. So habe der siebenköpfige Vorstand beispielsweise an der internen Kommunikation und der Danke-Schön-Kultur gearbeitet. Statt Urkunden und Anstecknadeln gebe es heute individuelle Schreiben und kleine Geschenke. Auch die Anwerbung von Mitarbeitern, der Umgang mit Sponsoren oder die Offenheit gegenüber neuen Themen sei moderner geworden. Man habe früher gedacht, so ein Verein laufe schon irgendwie von allein. „Das stimmt so nicht mehr.“

Für Hausherr Lohse war die Sportvereinsmesse schließlich eine willkommene Gelegenheit für ein wenig Werbung in eigener Sache. Er erinnerte nicht nur an die gelungene Rolle seines SC Hainberg bei der Integration der Geflüchteten, die 2015 auf dem Vereinsgelände untergebracht waren. Er erzählte auch von der Renovierung des Vereinsheims, in dem Messe stattfand, und deren Finanzierung. Viele Vereine hätten schon genug damit zu tun, sich selbst zu verwalten. Es sei allerdings weitaus befriedigender, immer etwas Neues zu schaffen. Sein abschließender Appell an die Kollegen könnte glatt als Motto der ersten Sportvereinsmesse durchgehen: „Seid kreativ.“



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